AT
/
pfeil-rechts
BESCHNEIDUNG

Die Beschneidung (mittelhochdeutsch: besnîden „stutzen, zurückschneiden") bezeichnet einen operativen Eingriff an den Genitalien[1] Die Beschneidung bei Männern (Zirkumzision) ist die (teilweise) Entfernung der Vorhaut [2] Die Beschneidung der Frau (Genitalverstümmelung, Genitalbeschneidung) ist die (teilweise) Entfernung der äußeren Geschlechtsorgane (Klitoris(vorhaut) und Venuslippen). [3] Meist stehen traditionelle, kulturelle und/oder religiöse Beweggründungen hinter diesen Verfahren.
[AUSSENANSICHTEN] [INNENANSICHTEN]

Zirkumzision bei Männern
Bei einer Beschneidung eines Mannes erfolgt stets eine teilweise oder komplette Entfernung der Vorhaut. Jährlich werden weltweit etwa 13,3 Millionen Männer beschnitten. [2] [4]

In seltenen Fällen kann eine Vorhautverengung (Phimose) einen Eingriff an der Vorhaut notwendig machen. Meistens wird dieses Verfahren jedoch aus sozio-kulturellen Gründen durchgeführt. Im Judentum etwa ist die Beschneidung der männlichen Neugeborenen natürlicher Teil überlieferter Traditionen. Zudem werden in den USA 55% der männlichen Neugeborenen nach wie vor standardgemäß beschnitten. Die Begründung, eine Entfernung der Vorhaut brächte hygienische Vorteile, lässt sich heutzutage nicht mehr halten und konnte auch durch groß angelegte Studien nie bewiesen werden. [2] [5]

Die Vorhaut des Mannes, insbesondere das Frenulum (Vorhautbändchen), sind hoch sensible erogene Zonen. In früheren Zeiten wurde manchmal die Vorhaut entfernt um Männer vom Masturbieren abzuhalten, da so ihr sexuelles Lustempfinden gedämpft werden sollte. Der Routineeingriff an Neugeborenen, ob aus „hygienischen" oder rituellen Gründen, wird aus diesem Grund stark kritisiert, schließlich wird in das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen eingegriffen. So entsteht ein Verlust am männlichen Körper, der niemals wieder umkehrbar ist. [2] [5] [6]

Genitalverstümmelung bei Frauen
Weltweit sind nach neuen Statistiken des UNICEF (United Nations Children's Fund, Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) 200 Millionen Frauen und Mädchen an ihren Genitalien beschnitten. [7]

Meist findet der Eingriff noch vor dem 15. Lebensjahr statt. In 29 afrikanischen und arabischen Ländern gehört die Genitalbeschneidung zum Alltag: Somalia (98% der Frauen und Mädchen), Guinea (96%), Djibouti (93%), Ägypten (91%), Eritrea (89%), Sierra Leone (88%) und Sudan (88%). Auch Jemen und Syrien zählen zu den Ländern in denen Genitalbeschneidung praktiziert wird – vermutlich auch noch in einigen asiatischen Ländern, doch dazu fehlen die Daten. [3] [7] [8] [9]

Nigeria hat offiziell weibliche Genitalbeschneidungen landesweit für verboten erklärt. [10] 2008 wurde die Genitalbeschneidung in Ägypten offiziell als Straftat erklärt. Innerhalb der EU zählt jede Form der Genitalbeschneidung an Frauen als Körperverletzung. Dennoch werden nach wie vor auch in Europa Frauen und Mädchen verstümmelt. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2000 geht man davon aus, dass in Österreich etwa 8.000 Frauen von Genitalverstümmelung betroffen sind. In Deutschland rechnet man mit 35.715 betroffenen und 5.965 gefährdeten Frauen. [11] [12]

Die weibliche Genitalverstümmelung hat weder religiöse noch medizinische Gründe – weder in der Bibel noch im Koran wird dieser Eingriff befürwortet. Es wird vermutet dass der Ursprung dieses Ritus in Ägypten, zu Zeit der Pharaonen liegt. Die Genitalien wurden mutmaßlich rituell, als Opfergabe an die Götter, beschnitten. Heute existiert diese Tradition in muslimischen, christlichen sowie jüdischen Glaubensgemeinschaften, da nur eine beschnittene Frau als „rein" und „tugendhaft" gilt. Zudem wird die Beschneidung als Garant für Keuschheit und Treue einer (un)verheirateten Frau gewertet. [12] [13]

Die WHO hat vier Formen der weiblichen Genitalbeschneidung definiert: [3]

- Typ 1: Entfernung der Klitorisvorhaut, mit oder ohne Entfernung der Klitorisspitze

- Typ 2: Entfernung der inneren Venuslippen mit oder ohne Entfernung der Klitorisspitze

- Typ 3: Vollständige Entfernung der Venuslippen, Klitorisspitze und Klitorisvorhaut, Vernähen der äußeren Venuslippen (Infibulation)

- Typ 4: verschiedene, zusätzliche rituelle Eingriffe wie unter anderem Einschneiden, Ausschaben oder das Einführen von Kräutern zum Verengen der Vagina

Diese Eingriffe werden meist unter schlechten hygienischen Bedingungen, ohne örtliche Betäubung und/oder nicht medizinisch geschulten Personal durchgeführt. Diese traumatische Erfahrung – der intimste Teil des weiblichen Körpers wird gewaltsam verstümmelt – lösen Schmerzen, Infektionen, Narben und Verwachsungen sowie Probleme beim Urinieren aus und können Frauen ein Leben lang beeinträchtigen. Die größte Auswirkung hat eine Genitalbeschneidung jedoch auf das sexuelle Selbstverständnis einer Frau. Der Eingriff unterbindet eine natürliche, lustvolle Empfindung der Sexualität. Dennoch schaffen manche Frauen, mit Unterstützung liebevoller Partner_innen und Freund_innen, wieder einen Weg zu einer glücklichen Sexualität. [3] [13]

Tradition
Die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung existiert auch noch im 21. Jahrhundert. Das entstandene Leiden der Frauen wird vielerorts als natürlicher Teil ihres Frauseins verstanden. Gesetze helfen wenig diesen Brauch zu unterbinden. Allerdings hat sich gezeigt, dass Töchter von gebildeten, finanziell unabhängigen Müttern deutlich seltener beschnitten werden. Ein Schritt, diese gewaltsame Verstümmelung junger Mädchen zu verhindern, liegt demnach in der besseren Bildung und Emanzipation der Mütter, damit jene selbstbestimmt über das Wohl ihrer Kinder entscheiden können und den Mut haben mit althergebrachten Traditionen zu brechen. [12]

Weiterführende Links:
Wüstenblume, Waris Dirie, Sherry Hormann, 2009 (Trailer)
Wüstenblume, Waris Dirie, Verlagsgruppe Droemer-Knaur, 1998 (Biographie)